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Kan Geiko - Hasselt (Belgien) 02. - 04.01.2015

Durch Nebel und Wind hatte sich John gekämpft, als er spät am Abend an unserer Haustür klingelte. Ich legte meine Geige zur Seite, gab ihm etwas zu essen, setzte ihn meiner Familie aus und übte weiter, immerhin war ich den ganzen Tag noch nicht dazu gekommen. Dann bin ich ins Bett gegangen, während John sich gut mit den anderen verstand und noch bis 1 Uhr nachts Schokofondue futterte und Gesellschaftsspiele spielte. Das war am 01.01.2015.

Den nächsten Tag war ich erst einmal mit packen beschäftigt, immerhin muss ich demnächst einen Monat lang in Weimar ausharren. Gleichzeitig musste ich aufpassen, dass John unsere Keramik-Pfanne nicht klaute, in der er Buttermilchpfannkuchen briet, die wir hinterher ohne Rest zum Frühstück verputzten. Nicht nur wir schienen danach zu platzen, sondern auch mein Koffer, weshalb ich im Endeffekt sieben Gepäckstücke hatte, unter anderem meine Geige.

Außerdem habe ich immer wieder versucht Amber aus meinem Heimatverein zu erreichen, mit der ich in den Ferien öfter mal trainiert habe. Sie hat seit kurzem den 2. Kyu, ist 15 Jahre alt und hatte auch Interesse an dem Trainingslager, obwohl sie ursprünglich vom JKA kommt. Nur ist sie nicht gerade für ihr organisatorisches Talent, geschweige denn für ihre Pünktlichkeit bekannt.

Auch John hat in der Zwischenzeit einige Telefonate geführt, und so herausgefunden, dass Jirka schon im Honbu Dojo in Hasselt angekommen ist.

Als Amber dann zehn nach drei Uhr bei uns ankam waren wir schon mit Packen beschäftigt. Durch Johns Stopfkünste passte auch alles in sein kleines aber geliebtes Auto, sogar Amber, die sich auf die Rückbank quetsche und auf meine Geige aufpassen musste.

Zwei Augenblicke a la anderthalb Stunden später kamen wir an.

Ehrlich gesagt hatte ich eine kleine Turnhalle erwartet, aber das Honbu Dojo ist ein kleines niedliches Häuschen, in dem auch Dirk, sein Sohn Balder und seine Frau Martina wohnen. Sie haben einen gut gewachsten Boden, einige Sportgeräte, zwei kleine Umkleideräume, eine Spiegelwand und überall standen Andenken und Auszeichnungen! In zwei Ecken standen außerdem Kase-Köpfe, die einen bei jeder Bewegung beobachteten.

Nachdem wir erst einmal zu Jirka in die Bar gegangen sind (die direkt neben dem Dojo ist) um ihm beim Essen zu zusehen, wurden wir nach und nach aktiv, um die Tische für die Feier am Samstag zu schmücken. Dafür haben wir Papiertücher als Tischdecken verteilt und waren dabei Jirkas Perfektionismus ausgesetzt, der immer wieder die Tischdecken tauschte. Glücklicherweise war ihm meine Schneidehand zur Genüge. Zwei Stunden später hatten wir dann noch kurz Zeit, die wir nutzen, um meine Geige jemanden zu geben, um darauf aufzupassen: Dirk hat sich sehr gefreut und mich gleich gefragt, ob ich dann auch übe und ob er mir mal zuhören könnte.

Das erste Training hatten wir dann alle bei Mario Vanroy. Es waren relativ wenige Menschen da, doch man konnte sagen, dass die Schwarzgurte uns Kyu-Gurte mengenmäßig überrollten. Wir wurden deshalb in die Mitte der 4 Reihen geholt. Wir standen alle genau hintereinander, das ergab einen schönen Block von etwa 10 x 4 Menschen. Plus John, John stand daneben.

Mario hatte sich einige Grundschulkombinationen ausgedacht, in der ein klarer Kopf gefordert war, durch ständige Positionswechsel, auch im 45°-Winkel und mit wechselnden Beinbewegungen. Meiner Meinung nach war das das schwerste, denn mit dem falschen Bein vorne waren Angriff oder Verteidigung nur halb so stark. Doch irgendwie war es schwierig, die Konzentration auf die Beine zu richten, mal ganz von einem sauberen Stand zu schweigen. Wenigstens hatten viele andere auch Probleme damit und so war „maximum tempo!“ eher gemächlich. Amber, die vom JKA so viele verschiedene Beinbewegungen gar nicht gewohnt ist, kam mit brummender Birne aus dem Training, John fand es gut, und im Nachhinein mit das körperlich anstrengendste. Bestimmt hat er es etwas schneller aufnehmen können als wir beiden Kleineren.


(Foto: Cesare Del Pellegrino)

Nach dem Training habe ich dann „Wizard“ (ein Kartenspiel) ausgepackt und wir haben eine Runde gespielt. Amber hat vergessen, was zu essen mitzunehmen, weshalb ich mich eines köstlichen Leberwurstbrötchens erbarmte.

Von dieser Nahrungsquelle gestärkt zockte sie uns der Reihe nach ab und hatte doppelt so viele Punkte wie irgendjemand anderes von uns. Ansonsten haben wir uns viel über Karate unterhalten, auch mit zwei anderen, die noch im Dojo übernachteten: Philip und Patrick. Außer uns sechs war das Dojo leer. Ich hatte gedacht, dass in der nächsten Nacht noch mehr dazu kamen, aber es wurde sogar einer weniger, weil Philip noch woanders hin musste.

Das nächste Training war um 10:30 Uhr. Diesmal wurden die Gruppen geteilt in Dan und Kyu. Wir hatten als erstes Cesare del Pellegrino, den Gast-Sensei aus Italien. Amber und ich hatten den Moment verpasst, als er fragte, wer kein Niederländisch versteht. Auch interessant: Ein Italiener, der fließend Niederländisch spricht! Nicht mal wir Deutschen lernen Niederländisch!

Auch wenn ich mich eigentlich etwas daran gewöhnt hatte, fand ich ihn sehr schwer zu verstehen. Mit ihm haben wir auch Grundschule gemacht, außerdem hat er viel über Allgemeines im Karate erzählt. Über Kime, wie wichtig Kiai ist und wenn ich das richtig verstanden habe, war er etwas enttäuscht über den mangelnden Enthusiasmus in der Gruppe. Ich persönlich war allerdings irgendwie zu unsicher, um enthusiastisch zu sein. Amber und ich haben dann in der Pause noch einmal die Heian Shodan Bunkai wiederholt, die wir gerade bei Sensei Cesare gemacht hatten. Am Ende beschlossen wir einfach, das später noch mal zu üben.

Nach der Pause wechselten die Trainer und wir bekamen Dirk. Dirk konnte ich irgendwie viel besser verstehen. Auch dadurch, dass er manchmal Italienisch gesprochen hat, was ich in der Schule lerne. Amber hat das nicht verstanden, aber Dirk hat auch alles gerne noch mal auf Niederländisch und notfalls auch auf Deutsch erklärt. Mit ihm haben wir Standsicherheit geübt (was er übrigens vorher auch mit den Schwarzgurten gemacht hat, natürlich dem Niveau entsprechend). Dabei haben wir Uraken defensiv und offensiv angewendet und uns mit Ausfallschritten, Kosa-dachi und Suri-ashi um den Feind herum geschlängelt, so dass so mancher Verteidiger selbst nicht mehr genau wusste, wo er war. Das war zwar nicht so richtig mein Problem, ich wusste noch, wo links und rechts war, doch schon ohne Partner war mein Stand eher instabil, wie auch noch einmal bei einer Vorführung meinerseits deutlich wurde. Wie das dann mit Partner im Schnellen aussah, müsste man Jirka fragen, der bei einer kurzen Pause rüber geguckt hatte. Philip (der Typ vom Dojo) jedenfalls meinte nur, ich hätte ziemlich „busy“ ausgesehen.

Danach wollte ich eigentlich üben. Es gab nur ein Problem: Die Geige war in Dirks Wohnung eingeschlossen. Und Dirk war mit anderen auswärts essen. Weil rumsitzen und warten nicht so viel Sinn hatte, haben wir noch einmal Karten gespielt, wobei ich von vorn herein gesagt habe: „Wenn Dirk kommt, bin ich weg!“ Das ging so weit, dass ich alle Menschen mit weißen Haaren für Dirk gehalten habe, allerdings kam dieser erst bei der 10. Runde, wo ich haushoch am verlieren war, weil ich mich fast weniger für das Spiel als für die Zeit interessiert habe. Ich hätte jedoch eh keine Chance gehabt, weil Amber wieder einmal weit über 200 Punkte gestiegen war, von denen Jirka und John nur träumen konnten.

Kaum war dieser also da, habe ich mich in die Umkleide verzogen und geübt während die anderen das Dojo auf das Fest für den Abend vorbereiteten, als Dirk auf die Idee kam, ob ich nicht vielleicht etwas beim Fest vorspielen könnte. (Danke an Jirka und John :P)

Mein innerer Konflikt bestand darin, dass ich zwar weiß, wie gut oder schlecht ich bin, allerdings keine Ahnung hatte, was die anderen erwarteten. So habe ich zwar zugesagt, aber mit einem mulmigen Gefühl im Bauch. Dazu kam, dass sich der Beginn des Festes immer weiter heraus zögerte.

Nach einer Suppe packte ich also die Geige aus, spielte, war nicht ganz zufrieden, erntete aber Applaus und aß weiter. Es gab als zweite Vorspeise so eine Art Frühlingsrolle mit Hackfleisch, die sehr lecker war. Die Köchin ist Philippinerin und wohnt nebenan, weshalb alle sie sehr gut kannten.


(Foto: Cesare Del Pellegrino)

Danach kam Dirk zu mir und fragte mich, ob ich noch etwas spielen könne. Ich hatte zwar theoretisch noch ein anderes Stück, allerdings war das sehr nach dem Klischee „Geigen spielen viel zu hoch“ und war mir nicht sicher, was ich spielen sollte, nachdem Dirk noch mal alle gefragt hat, ob ich noch was spielen soll. „Yeeyy! Jaaa! Siii!“ Also habe ich mein schon wieder etwas eingestaubtes Bach-Heft herausgeholt, John zu einem Notenständer umfunktioniert und Bach gespielt. Alle freuen sich, ich setze mich etwas unzufrieden wieder hin und esse weiter. Der Abend geht weiter, Leute tanzen, die Italiener verabschieden sich, da kommt Dirk zum dritten Mal und fragt, ob ich so zum Ausklang des Abends noch etwas spielen könne. Da habe ich mich noch einmal für Bach entschieden, was ich auch ewig nicht mehr gespielt habe. Ein langsames, trauerndes Stück. Doch als sich ein langer Finne mit großen Bewegungen langsam auf den Zehenspitzen über den knarzenden Boden auf seinen Platz schlich und dabei bei jedem Schritt die Beine so hoch hob, als würde er über Fässer steigen, konnte ich nicht anders als lachen. Danach spielte ich das doch ziemlich schwere Stück besser zu Ende und hatte danach den Mut gefasst von mir aus noch ein letztes Stück zu spielen: eine Eigenkomposition. Mit ihr war ich dann endlich zufrieden. Dirk hat sich immer wieder bedankt und auch viele haben sich bedankt und mich gelobt und inzwischen denke ich, ich könnte da auch wieder vorspielen, obwohl das mir paradoxerweise immer noch sehr schwer fällt.

Wenn ich also nicht gespielt habe, haben wir (vom Buffet) gegessen, uns über Karate unterhalten und am Ende auch noch einmal Karten gespielt. Außerdem hat John Milchreiskuchen für sich entdeckt, aber der arme Kleine tut mir etwas Leid, weil es guten Milchreiskuchen nur in dieser Region gibt.

Am nächsten Morgen lag die Geige erst einmal immer im Weg. Nirgendwo stand sie richtig. Hier wurde aufgeräumt, da wollten die Leute frühstücken, hier trainieren, bis Jirka durch philosophisch-logisches Denken mir die glorreiche Option offenbart hat, sie zu den anderen Gepäckstücken zu legen. Nachdem wir das Auto von der zentimeterdicken Eisschicht befreit haben (und mit „wir“ meine ich John), fuhren wir also zur letzten Trainingseinheit in die Halle.

Der Dan-Clan hat eine Kata gemacht, die John nicht einmal auszusprechen wagt, geschweige denn, sie mir zu diktieren. Dirk hat dabei das Training mitgemacht und Cesares Kommentare und Anweisungen übersetzt. Außerdem haben sie Jion Bunkai gemacht. (Bunkai-Katas scheinen Cesares italienische Spezialität zu sein.)

Die Krabbelgruppe hatte wieder Mario und wir haben noch einmal Grundschule gemacht, außerdem die Anwendung der Heian Yondan wiederholt. Er hat genau wie Dirk viel Wert auf die innere Muskulatur und Körpereinsatz gelegt, aber ebenso natürlich auf Koordination, Konzentration und Schnelligkeit.

Eigentlich hatte ich mir ein rotes T-shirt mitnehmen wollen, allerdings gab es die noch in etwas zu klein und in „S“ wie „Superlarge“. Dann wahrscheinlich erst nächstes Jahr wieder.

Alles in allem war das eine sehr schöne Erfahrung und wenn ich kann, werde ich auch wieder dorthin fahren. Amber (vom JKA) hat übrigens gesagt, dass sie die Ashi waza beim Kase Ha viel effektiver findet. Nur mal kurz am Rande ;)

Auf der langen Rückfahrt habe ich diesen Bericht geschrieben und ich hoffe, er hat euch gefallen!

 

Liebe Grüße,

Maike (Akari Dojo Weimar e.V.)

 


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